Fachschaft Raumplanung

Verständnis von Common Ground

Von Chipperfield und auf der Biennale 

Chipperfield bezweckt (soweit das aus seinen Statements auf der Biennale-Homepage ablesebar ist) durch die Titulierung der Biennale mit “Common Ground” einer architektonischen Kultur neue Geltung zu verschaffen, die auf gemeinsamer Kultur und Idealen, gemeinsamen Zielvorstellungen, gemeinsamen Bearbeiten von Problemen und nicht auf dem individuellen Talent basiert – wohl aber dadurch Ausdruck erhält, wie manche Beiträge zu vermitteln versuchen. Common Ground könnte in diesem Zusammenhang als eine Wissensallmende interpretiert werden, die eine Basis für individuelle (und auch kollektive) Arbeiten bildet.

In einem Statement der Biennale auf deren Homepage werden Probleme im Verhältnis von Architektur mit Ökologie, Technologie und Stadtplanung zugegeben. Als Lösung dieses Problems wird die Reparatur des Bruchs zwischen Architektur und Zivilgesellschaft angeboten. Der Commons-Begriff  bei der Biennale bezieht sich also auf eine gemeinsame Basis einer architektonischen Kultur, die wiederentdeckt werden soll. Auch die Stars der Architektur schöpfen sozusagen aus dieser Kultur – es geht um eine Rückbesinnung auf die emeinsame Basis. Dieser Anspruch entspricht jedoch nicht der Realität vor Ort. Es ist großteils nicht ersichtlich, wie sich die Herren und Damen ArchitektInnen und PlanerInnen auf das Thema „Common ground“ beziehen und was sie darunter verstehen. Hin und wieder wird die Bezeichnung bei der Erklärung der eigenen Projekte verwendet, meist aber nicht mit Inhalten gefüllt. Die Hoffnung, dass sich Beiträge auch mit gemeinschaftlichen und natürlichen Ressourcen sowie bottum-up-Prozessen und einer gemeinsamen Kultur, geschweige denn mit architektonischem Raum als gemeinsames Produkt einer Gesellschaft beschäftigen, wird enttäuscht: “The city […] is the result of the unfolding work through time of the architects living there. The works of architects such as Piermarini, Beltrami, Muzio, Terragni, Ponti, BBPR, Gardella… just to mention some names is what ultimately defines the face of the city.” (Rafael Moneo, spanischer Beitrag, Arsenale)

Die Selbstüberschätzung und Überbewertung der eigenen Disziplin paart sich hier mit Vergötterung großer Namen und Ignoranz gegenüber gesellschaftlichen Zusammenhängen. Wenige Beiträge beschäftigen sich mit Inter-, noch wenigere gar mit Transdisziplinarität der eigenen Arbeit und deren Einbettung in (gesamt-)gesellschaftliche Zusammenhänge und Prozesse.

Man kann sich also glücklich schätzen, wenn “common ground” als gemeinsamer (Bau-) Grund bzw. als gemeinsame Arbeit an Projekten interpretiert wird und Projekte wie jenes des Novartis-Campus (an dem Chipperfield mitgewirkt hat) vorgestellt werden (hierzu mehr bei 1.6 Positionierung). Der (seichte) Beitrag der Schweiz widmet sich dem Thema “and now the ensemble” und stellt somit individuelle Objektarchitekturen in den Hintergrund, sondern will deren gemeinsame “Ensemble- ”Wirkung hervorheben.

Doch das Spektrum der Beiträge ist sehr heterogen und weit, weshalb sich auch andere Sichtweisen unter diesen finden: So behandelt der USA-Pavillon  bottum-up-Strategien der Stadtentwicklung und kreative Aneignugnsprozesse. Der japansiche Beitrag beschäftigt sich mit den durch den Tsunami komplett zerstörten Lebensräumen an der japanischen Küste, wo Architekten gemeinsam mit BewohnerInnen (oft mit einfachen Mitteln und auf einer Ebene, “without any barrier between `professional ´ and `amateur´”) Architektur schaffen und sich intensiv die philosophischen Grundlagen ihrer Arbeit hinterfragen: “Why and for whom are architects making architecture?” Der deutsche Beitrag  stellt unter dem Motto “reduce, reuse, recycle” sowohl ressourcen- und umwelttechnische als auch baukulturelle Aspekte in den Mittelpunkt: “Der Gebäudebestand – auch die wenig geschätzten Gebäude und Siedlungen der Nachkriegsmoderne – muss als wichtige energetische, kulturelle, soziale und architektionische Ressorce für die Gestaltung unserer Zukunft erkannt werden …”. Der dänische Beitrag beschäftigt sich mit Grönland, dessen endogenen Entwicklungspotential und den dortigen (zugrunde gehenden sowie durch Auswirkungen des Klimawandels entstehenden) Ressourcen und Lebensgrundlagen. Diese Beiträge können als wertvoll für die planerische Debatte eingestuft werden und zeigen ansatzweise das breite Spektrum auf, welches in anderen Disziplinen bereits intensiv debattiert wird.

 

Gruppenverständnis 

In den Diskussionen über Commons und damit oft verbunden mit dem Begriff Solidarische Ökonomie gibt es unterschiedliche Debattenstränge. Es gibt keine verbindliche Definition von Solidarischer Ökonomie oder von Commons.

In der Diskussion um den Begriff „Commons“ kann aber gesagt werden, dass Commons nicht einfach „naturgegeben“ sind sondern, dass Commons gemacht werden. Commons entstehen durch Aneignung und Selbstermächtigung wenn Menschen etwa den Umgang mit einer Ressource für so wichtig halten, dass sie sich darum kümmern und Verantwortung dafür übernehmen und mitbestimmen wollen, wie diese Ressource genutzt wird. Commons sind eine soziale Beziehung und entstehen aus einer sozialen Praxis, aus Handlungen von Menschen, die sich gemeinsam um etwas kümmern, wie zum Beispiel um Wasserressourcen in einem trockenen Gebiet, um den freien Zugang zum Internet oder um den öffentlichen Raum.

Ursprünglich bezeichnete der Begriff Commons ausschließlich Naturressourcen, heute wird ein breiteres Spektrum darunter verstanden, etwa Wissen, Kulturgüter, Software, öffentlicher Raum oder das Gesundheitssystem und öffentlicher Verkehr.

Hier wurde nicht nur der Brückenschlag zu unserer eigenen Profession, sondern auch zur Universität und im speziellen dieser Lehrveranstaltung als Gemeingut hergestellt, das von allen TeilnehmerInnen (re-)produziert und angeeignet, genutzt und erhalten wird. Dabei befinden wir uns in einem stetigen Aushandlungsprozess.

Ein wichtiger Aspekt für uns war demnach auch die partizipative Ebene und der Aspekt der Aneignung. Es müssen Strategien für komplexe Situation gefunden werden und Konflikte, die nicht als Problem, sondern politische und kulturelle Normalität und Notwendigkeit gesehen werden, ausgetragen werden. In Commons steckt immer der Aushandlungsprozess als immanentes Element. Es geht somit um Verteilung, Hierachien und das Denken in Systemen, die im Wandel sind und verändet werden können. In dieser Folge stellen sich natürlich auch viele Fragen zu Politik und Ideologie (auch der eigenen fachlichen Position) sowie zum Gegenstand unserer eigenen Disziplin: Ist Raum nicht auch ein common?

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