Fachschaft Raumplanung

Positionierung zur Biennale

Die Architektur-Biennale in Venedig muss unter dem Aspekt gesehen werden, dass sie die weltgrößte Repräsentationsveranstaltung der Architektur-Szene darstellt. Themen die auf der Biennale behandelt werden, kreisen um die Welt und werden als ‚zeitgemäß, wichtig und maßgebend’ wahrgenommen und interpretiert. Die Biennale hat Macht in der Architektur-Szene, denn wer es auf die begehrte Liste der Kuratoren schafft, hat es auch in der Szene geschaft. Es ist ein elitärer Kreis, welcher nur schwer zu betreten ist. Es stellt sich die Frage, nach welchen Kriterien die Kuratoren ausgesucht werden, die ‚sich’ darstellen dürfen. Chipperfield spricht immer wieder von seinem ‚Freundeskreis’, was schmeicheln mag, für eine Weltausstellung aber nicht repräsentativ und neutral ist. Chipperfield selber ist ein Schwergewicht in der Architektur Szene und zählt zu den Stararchitekten der heutigen Zeit.

Tendenziell werden nicht neue Strömungen und Errungenschaften vorgestellt und diskutiert, sondern die Stars der internationalen ArchitektInnen- und PlanerInnenzunft präsentieren ihre Werke. Bei genauerer Betrachtung, begegnen einem in den einzelnen Exponaten immer wieder  alt-bekannte Namen, die sich in den engeren “Freundeskreis” des Hauptkurators David Chipperfield einordnen lassen, was sich als sehr fragwürdig auffassen lässt. David Chipperfield, der Kurator der Biennale, entschied sich für das Thema „Common Ground“.

Angesichts der in den letzten Jahren verstärkt aufgekommenen Diskussion über „Commons“, Gemeingüter, Allmenden könnte diese Titulierung bedeuten, dass die Veranstaltung in Venedig nicht nur von Einzelbauten und Stadtbehübschungen handelt, sondern dass substantiellere Themen, die weit über den allgemeinen Architektur- und Planungsdiskurs hinausgehen, angesprochen werden. Diese Hoffnung wird jedoch enttäuscht. Nur wenige der ausgestellten Projekte behandeln annäherungsweise die Thematik „Commons“, „Common ground“, Wie schon weiter oben beschrieben, bezweckte Chipperfield mit der Titulierung der Biennale einer architektonischen Kultur neue Geltung zu verschaffen, die auf gemeinsamer Kultur und Idealen, gemeinsamen Zielvorstellungen, gemeinsamen Bearbeiten von Problemen und nicht auf dem individuellen Talent basiert. Aber ist nicht völlig klar, dass architektonische Kultur auf gemeinsamer Kultur aufbaut? Es kann doch niemand so naiv sein zu glauben, dass er/sie vor seinem/ ihrem Computer die Welt neu erfinden kann. Wenn sich ein paar ArchitektInnen an einen Tisch setzen und gemeinsam ein Projekt planen muss das noch lange nichts mit „Common ground“ zu tun haben. Solitäre können auch dann entstehen ohne auf irgendwelche „Umwelteinflüsse“ Rücksicht zu nehmen. Aber genau das wird offensichtlich unter „Common ground“ verstanden – das gemeinsame Sesselrücken um einen Tisch und schon entsteht ein „Common“. Und dann tragen die Hinweisschilder in den Hallen der Biennale nicht mehr nur einen Namen sondern etwa fünf bis sieben.

Aber ist das wirklich eine Veränderung im Verständnis wie Architektur und Planung umgesetzt wird? Was ist mit Mitentscheidung von AnrainerInnen, mit Auseinandersetzung von ArchitektInnen nicht nur mit Einzelgebäuden oder campus-artigen Strukturen sondern mit Stadt an sich, mit öffentlichem Raum, mit sozialen Unterschieden in der  Stadt. Welche Position gibt es zur Frage der Abhängigkeit der Architektur- und Planungsszene von Großinvestoren?

Es gibt in der Planungs- und Architekturszene eine beginnende Diskussion zum Begriff „Commons“, die viel inhaltsvoller ist als das, was auf der Biennale  in Venedig dazu geboten wird. Kennt David Chipperfield diese Diskussion überhaupt? Interessiert  einen wie ihn eine derartige Diskussion überhaupt? Oder wurde der Titel „Common ground“ einfach deshalb gewählt, weil der Begriff grad irgendwie modern ist und man ab und zu davon hört – auch wenn man nicht weiß, was er eigentlich bedeutet und was da diskutiert wird?

Immer wieder tauchen die selben Namen auf, wie Herzog & de Meuron, Bernhard Tschumi oder Norman Foster. Eine endlose Aufreihung von säuberlich- gefertigten Modellen folgt, an den Wänden sind detailgetreue Zeichnungen zu sehen – es erinnert  an eine Präsentation von Abschlussarbeiten – gar erscheint die Hauptausstellung als Mausoleum des Bauens. Aber sollte die Biennale nicht eine Plattform sein um Diskussionen, Tendenzen und Gegensätze innerhalb der Architektur anregen und  aufzeigen?

Ein Beispiel, wie man sich auf der Biennale präsentiert und dabei das Titelthema nicht einmal ansatzweise streift, ist der Raum, in dem Zaha Hadid  Architects ausstellen. Ein Raum voller computergenerierter Modelle ohne Bezug zueinander, aufeinander und auf das Titelthema. Er wirkt, als ob die Modellbauwerkstätte der Architektin einen Ausflug nach Venedig gemacht hat und die gefertigten Objekte dann einfach in einer Halle des Arsenale zurückgelassen wurden – natürlich nicht einfach so, sondern in würdevoller Aufmachung. Es stellt sich die Frage: Wusste Hadid überhaupt, dass es ein Thema gab?

Ein weiteres schlechtes Beispiel ist die Bebauung des Norvatis Campus in Basel. Was hat der Campus eines internationalen Pharma-Konzerns mit „Common ground“ zu tun? Hier gibt es einen Investor, der gleichzeitig Eigentümer aller Grundstücke ist, einen Masterplan sowie Projekte von den jeweiligen “Stars”, welche sich in diesen einfügen. Dabei wundert sich der begleitende Text, warum solch hohe architektonsche und räumliche Qualität nicht in “normalen” Stadtentwicklungen erreicht wird – diese Aussage sollte sich selbst disqualifizieren. Der Campus ist sicher nicht öffentlich zugänglich, eine Öffnung hin zu den AnwohnerInnen widerspricht dem grundsätzlichen Ansinnen eines Multis, nämlich Betriebsgeheimnisse eben nicht mit der Öffentlichkeit zu teilen und dadurch Nachteile im internationalen Wettbewerb zu erleiden. Und der Leiter der Biennale, David Chipperfield, ist mit einem Bauprojekt auch noch an diesem Campus beteiligt. Ein wenig Abstraktionsfähigkeit sollten auch international bekannte Architekten wie er haben, die Beteiligung an einer von ihm geleiteten Ausstellung mit eigenen Projekten ist wirklich nicht nötig.

Es gibt aber auch Beispiele von Ausstellungsbeiträgen, die das Thema „Common ground“ gut treffen: etwa jene Projekte, die im Pavillon der USA in den Giardini vorgestellt werden. Die Räumlichkeiten des Pavillons sind zwar vollgestopft mit unterschiedlichen Projekten, so dass man beinahe den Überblick verliert, vorgestellt werden aber bottom-up Initiativen aus den USA von Urbangardening bis zu unterschiedlichen Formen der Selbstaneignung von öffentlichem Raum. Weitere Beiträge, die das Titelthema gut treffen finden sich auch im Central Pavillon in den Giardini von Elke Krasny, deren Ausstellung Hands-On Urbanism 1850 – 2012 (die auch im Frühjahr 2012 auch im Wiener AzW zu sehen war) einen kurzen Überblick über die Geschichte städtischer bottom-up Initiativen bietet. Im selben Raum im Central Pavillon auch ein Beitrag des französischen Atelier d´Architecture Autogérée namens R-Urban Commons. Dieses Projekt beschäftig sich konkret mit der Rückgewinnung und Rückeroberung von Common ground (hier wird öffentlicher Raum damit gemeint) in Colombes nahe Paris durch AnrainerInnenund Initiativen in Zusammenarbeit mit den PlanerInnen.

Ein paar Pavillions haben sich mit einer Darstellung herausgehoben, indem Sie Architektur ohne Materie erschaffen. Große Gesten werden vermieden. So zum Beispiel der niederländische Pavillion, der in einer Endlosschleife raumhohe Vorhänge durch den Raum fahren lässt und somit den Raum zum ephemeren Erlebnis macht. Es ist ein Beispiel, wie Architektur auch ohne konventionelle Investorenprogramme leben kann. In diesem Pavillion geht es um den Raum an sich als Common und wie er von den Individuen geprägt und mitverändert wird.

Die Gruppe Urban Think Tank hat sich mit einem 45-stöckigen Hochhaus in Caracas beschäftigt, das unvollendet blieb und durch Hausbesetzer zu einem „vertikalen Slum“ wurde, ein „Symbol für das neoliberale Versagen und die Selbstermächtigung der Armen“, wie der informative Katalog beschreibt. Leuchtreklamen und südamerikanische Rhythmen locken am Ende der Corderie. Architektur beginnt mit der Befriedigung elementarer Lebensbedürfnisse, das ist allemal einen Goldenen Löwen wert. Es bleibt jedoch der Eindruck, dass das ärmliche, harte Leben in diesem Hochhaus romantisiert wird.

Die Biennale in Venedig zeigt, wie leichtfertig und inhaltslos mit Begriffen wie „Common ground“ umgegangen werden kann. Ein gerade modernes, oder für modern gehaltenes Motto wird über eine Ausstellung gestülpt, die eingeladenen PlanerInnen und ArchitektInnen sollen sich was zum Thema überlegen, das geschieht mehr oder weniger, ein Diskurs zum Thema findet nicht statt. Im Vordergrund stehen wieder die prestigeträchtigen Personen und Projekte, Namen sind wichtiger als die Suche nach und die Auseinandersetzung mit Begriffen. Worin liegt schlussendlich der gemeinsame Nennerall dieser Stararchitekten?

Ein Hund frisst keinen Hund, lautet ein altes Sprichwort. Will heißen: Es haben sich alle lieb, und früher oder später zeigen sich die Eingeladenen erkenntlich, wenn sie selbst in einer Jury sitzen. Common Ground bekommt auf diese Weise einen klebrigen Beigeschmack.

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